Ich

Alter:

Ich dürfte guten Gewissens schon an Ü40-Partys teilnehmen, wenn ich das wollte.

Größe:

Meine Größe erlaubt es mir, meinen Mitmenschen gegenüber zu treten, ohne zu diesen empor – oder auf sie herabzublicken.

Bildung:

Oh je – Bildung ist ja auch nicht mehr das, was es mal war. Möglicherweise bin ich vollkommen ungebildet – und weiß es gar nicht.
In einem Land, in dem Politiker über die Bildung bestimmen, um sich gegenseitig und wahlzyklisch eine hervorragende Bildungspolitik zu attestieren, erlangt man seine Bildung nicht weil das Bildungssystem so grandios ist – sondern obwohl.

...

Beruf:

Ich bin IT Mensch – arbeite also im Bereich Informationstechnologie. Früher hieß das mal EDV. Aber weil schon alle wissen was EDV bedeutet, nennt man das jetzt IT.
Ich administriere Serverbetriebssysteme, nehme hin und wieder einem schuldbewussten Menschen die Beichte ab, wenn dieser sein Passwort versemmelt hat und spende denen Trost, die dem Glauben verfallen, sie hätten der IT-Infrastruktur durch das unbedachte Drücken einer Taste oder mittels eines Mausklicks den Garaus gemacht. Dass ich diese Arbeit in einer großen Bibliothek leisten darf, macht meinen Beruf noch schöner.

Und sonst noch:

In meiner Freizeit beschäftige ich mich mit Philosophie, dem eigentümlichen Verhalten des „homo sapiens“ im mitteleuropäischen Raum und Verbal-Graffiti (dem Hinterlassen humoristischer, gedankenschwangerer Sprechbläschen in öffentlichen Verkehrsmitteln und an anderen Orten, an denen sich den Zuhörern keine spontane Fluchtmöglichkeit eröffnet).

Zuweilen kommt es vor, dass ich Zweifel- oder Lästerhaftes zum Besten gebe. Aber ich versichere, dass ich die schlimmsten Denkereien ganz alleine für mich behalte. Ich kann nämlich derart Unflätiges denken, dass es auszusprechen oder aufzuschreiben ein Affront wäre.

Weshalb ich schreibe? – Die Frage kann ich nur ansatzweise beantworten. Ich schreibe, weil ich es einmal ausprobiert habe. Weil das Schreiben Bewusstsein schafft. Weil auszudrücken und Sprache zu benutzen aufregend ist. Ich hab übrigens oft nur eine vage Vorstellung davon, was dabei herauskommt, wenn ich einen Satz beginne.

Menschen sind das, was mich wirklich beschäftigt. Es gibt ja kaum Seltsameres zu beobachten.
Besonders fasziniert mich, dass Menschen, die mit papierfömigen Gescheitheitsbelegen ausgestattet sind, nicht selten verantwortungslos-grandiose Dummköpfe zu sein scheinen. Zumindest gemessen an dem, was sie habitus-selig unserer Gesellschaft an Schaden zufügen. Millionenschwere Steuerverschwendungen, pisale Breitenverdummung, krankhafte Gesundheitsreformen, planmäßige Konzernpleiten, Banken- und Wirtschaftskrisen (also Monopoly mit Echtgeld), Kriege und anderes Ungemach zu verursachen, dafür bedarf es schon einer höheren Qualifikation. Ungebildete wären zu solch strukturierter Schlechtigkeit kaum in Lage.

Meine Zeit teile ich sehr grob ein. In einer dem gestressten Nutz-, Konsum- und Erfolgsmenschen eher unbrauchbaren Weise. In Zeit zum Totsein – und Zeit zum Leben.

Auch wenn einige Texte das vermuten lassen, ich besitze kein Anarchie- oder Querdenker-Gen. Ich lebe anderen gerne zur Freude – ungern zum Leid – aber niemals zum Gefallen.
Wer mich jedoch absichtlich oder unabsichtlich zu wilden Denkereien animiert, dem zu Ehren (oder Un-Ehren) verworte ich meine Gedanken. Es ist mir sozusagen eine Denk- und Schreibfreude.



www.wort-artig.de / Stefan Unser

 

 

 

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