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Kein Problem zu haben, das ist dem gemeinen Problemfinder wahrhaft unerträglich – und es ist ihm ein echtes Problem.
"Was fährt da jetzt auch noch der blöde LKW?"
(Der verfügt ja über eine Wahrnehmungsfähigkeit, von der ich nur träumen kann. Ich weiß noch nicht einmal was einen 'nicht-blöden LKW' von einem 'blöden LKW' unterscheidet.)
"So ein Dreck."
(Das ist nicht wörtlich zu nehmen. Es handelt sich um eine umgangssprachliche Bestärkungsformel. Damit will er wohl die Blödheit des LKW unterstreichen.)
"Ich glaub es ja nicht!"
(Wenn der mal wüsste was ich alles nicht glaube.)
Der Typ, der mir binnen weniger Minuten zum dritten Mal über die Schulter motzt – lautstark nutzlos Worte vergeudet, um sie mir ins Ohr zu prusten – und sein Mundwerk auf unvergleichliche Weise zu plagen versteht, der sitzt eine Reihe hinter mir – im Linienbus. Wie man aus ein-zwei halben Gedanken gleich ein Dutzend Sätze formulieren kann, das ist erstaunlich. Ich bin immer wieder tief beeindruckt, wie sparsam manche Menschen ihre geistigen Ressourcen einzusetzen vermögen. Aber das liegt wohl an seiner Passion. Er ist ein überaus erfolgreicher Problemfinder. Und eben nicht zimperlich, wenn er ein Problem gefunden hat, es sich zueigen macht und es ausschlachtet, um es mit Worten und Leben zu erfüllen.
Der LKW vor uns, den er so aggressiv bespricht, fährt übrigens gar nicht – er steht. Wie hunderte Fahrzeuge vor dem LKW auch. Das nennt man einen Stau. Aber das nur am Rande.
Problemfinder sind ziemlich uncool und leicht zu erkennen. Es gibt nämlich nur zwei Befindlichkeitszustände in denen man sie antreffen kann – und beide sind extrovertierter und unangenehmer Natur.
Entweder der Problemfinder hat ein Problem gefunden. Dann referiert er über dieses. Sülzt Dir oder einem anderen damit ungefragt die Ohren voll. Erbaut sich an seiner destruktiven Erkenntnisfähigkeit und der Beschreibung des Problems. Und nervt, und nervt, und nervt, und nervt ...
Oder er sucht gerade ein Problem – beziehungsweise er versucht sich eines herbeizureden. Faselt beschwörend über fiktive Probleme und mögliche Kleinst-Katastrophen. Dabei zieht er, erwartungsfroh dem Problem entgegen sehend, eine säuerliche Sorgen-Mine. Was für sensible Menschen durchaus den Tatbestand einer unangenehmen Blickfeldverschmutzung erfüllt – von der akustischen Belästigung ganz zu schweigen.
Mein Problemfinder hat soeben vollkommen unerwartet ein herrliches Problem geschenkt bekommen. Einen ganzen Stau. Es war ein Geschenk des Himmels – oder der Straße – wie man es nimmt.
Ich verhalte mich mucksmäuschenstill. Was auch immer ich zu seinem Gemotze beitragen würde, es würde mit allergrößter Wahrscheinlichkeit weder den LKW bewegen, noch den Stau auflösen. Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass Staus nicht wegschimpfbar sind.
Dem Problemfinder hinter mir würde es jedoch neue Möglichkeiten eröffnen, wenn ich mich dazu äußere. Er könnte mich entweder in das Schimpfen und das Bedauern des misslichen Zustandes mit einbeziehen. Oder mich als neues Problem erkennen. Spätestens wenn ich ihm erkläre, dass wir alle der Stau sind – und nicht nur die da vorne. Und schon gar nicht der LKW alleine. Dass in Afrika Kinder an Hunger sterben. Und dass mich sein Genöle in wenigen Minuten aus dem seelischen Gleichgewicht zu heben droht.
Im Grunde sind Problemfinder geborene Erfolgsmenschen. Sie finden täglich und reichlich was ihnen das Wichtigste ist. Im Gegensatz dazu scheinen Menschen, die sich auf der Suche nach Reichtum, ihrem Seelenfrieden, der großen Liebe oder dem Glück befinden, beinahe zum Scheitern verurteilt. Nur eines ist bitter. Sowohl die Suche, als auch das Finden von Problemen, scheint sie kein bisschen glücklich zu machen.
Mit einer Stunde Verspätung erreichen wir die Innenstadt. Der Problemfinder steht neben mir als die Bustür sich öffnet. Gleichzeitig erblicken wir, was ich schweigend zur Kenntnis nehme und ihm ein neues Problem ist.
"Ach du große Scheiße (das hat er wirklich sehr gut erkannt) – was für eine ekelhafte Sauerei", motzt er zur Tür hinaus. "Das ist eine Frechheit. Dreckschwein."
Nix Schwein – ich tippe auf Hund. An der Haltestelle hat wohl vor wenigen Minuten ein notdürftiger Vierbeiner einen prächtigen glänzenden und noch dampfenden Haufen gemacht.
Ich freue mich die Tretmine noch rechtzeitig entdeckt zu haben. Die einzige Freude, die mir ein auf dem Gehweg platzierter Hundehaufen spontan bereiten kann.
Für den Problemfinder ist es aber egal (scheißegal), ob ihm das tierische Häufchen rechtzeitig ins Ange sticht – oder am Schuh hängen bleibt. Er bekommt auf jeden Fall, was ihm das Allerliebste scheint: Ein Problem.
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